Klout: Segen oder Fluch für die Demokratie?

Klout, der Algorithmus und Dienst zur Messung von Einflusssphäre im Internet, hat sich seit seiner Gründung 2009 vor allem im angelsächsischen Raum immer stärker etabliert. Dieser Beitrag beleuchtet Klout kritisch und frägt, ob die Metrik auch für PolitikerInnen einer Demokratie geeignet ist.

Ein Meinungsbeitrag von Timo Grossenbacher

Was ist Klout?

Michelle Hunziker, die Schweizerin mit den angeblich meisten Followern auf Twitter, hat einen von 64, Bundesrat Alain Berset einen von 52. Und die Franzosen haben durchschnittlich den höchsten.

Die Rede ist vom Klout-Score, einer Metrik, die zum Ziel hat, die Einflusssphäre von Personen in der Online-Welt quantitativ zu messen. Klout wurde 2008 vom gleichnamigen Start-Up in San Fransisco, Kalifornien gegründet und ging im September 2009 zum ersten Mal online. Drei Jahre später sieht die Bilanz ziemlich erfreulich aus: Gerade erst im Januar dieses Jahres konnte das Unternehmen einen Finanzzustupf von 30 Millionen US-Dollar verbuchen. Zudem scheinen die Aufrufe an die Klout-API seit 2010 um einen Faktor von über 4000 gewachsen zu sein.

Wie funktioniert Klout?

Gemäss eigenen Angaben ist Klout ein Algorithmus, der mehrere Indikatoren aus 7 verschiedenen Netzwerken (Twitter, Facebook, Google+, LinkedIn, foursquare, Wikipedia und Klout selber) so kombiniert, dass am Schluss eine eindimensionale, aber allumfassende Metrik zum Einfluss in sozialen Netzwerken entsteht. Grundsätzlich erhält jedes Twitter-Mitglied von Haus aus einen Klout-Score, da Twitter vorwiegend öffentlich ist. Auch Wikipedia-Einträge über eine bestimmte Person werden automatisch bewertet. Will jemand seinen Klout-Score erweitern, kann er dem Unternehmen Zugriff auf die Daten weiterer Netzwerke geben.

Klout soll anscheinend besonders folgende Aspekte der sozialen (Inter-)Aktion hervorheben:

  • Hohes Engagement (Retweets, Replies, Comments, Likes) auf eigene Posts wird belohnt, blindes Posten ohne Echo wird kaum beachtet.
  • Verbindungen mit Leuten, die einen tiefen Score haben, sollen auch positiv in die Gesamtgleichung einfliessen.
  • Je mehr Netzwerke eine Person zu Klout hinzufügt, desto genauer wird ihr Score – der in Folge dessen jedoch nicht in Mitleidenschaft gezogen werden soll.

Die Frage ist nun, wie das mittlerweile auf 40 Mitarbeiter angewachsene Start-Up denn Geld verdienen will. Die Antwort lautet, wie bei so manchen Internetfirmen: Mit Werbung. Genauer gesagt mit Perks. Perks sind Belohnungen, die Hotels, Autohersteller und Filmstudios an Personen mit einem hohen Klout-Score verschenken. Die Idee dahinter ist natürlich, dass die jeweilig beschenkte Person in ihren sozialen Netzwerken einen Aufruhr darum macht und so als Markenträger figuriert. Damit Firmen jedoch solche Leute überhaupt erreichen können, müssen sie dem Start-Up eine Provision zahlen. Dieses Geschäftsmodell scheint zumindest in den USA gut angelaufen zu sein, so hat zum Beispiel der Automobilhersteller Chevrolet verschiedenen Leuten drei Tage Gratisfahrt mit seinem neuen Modell “Volt” geschenkt.

Klout-Perks

Sogenannte Perks. Quelle: http://corp.klout.com/blog/2012/06/klout-perks-a-healthy-two-years/

Kritik

Die Kritik am Klout-Algorithmus und am Geschäftsmodell des Unternehmens kommt aus vier verschiedenen Richtungen:

  1. Messung der Einflussphäre in der realen Welt. Man wunderte sich, wieso Personen wie Justin Bieber einen höheren Klout-Score haben als deutlich einflussreichere wie zum Beispiel Barack Obama. Klout hat als Reaktion darauf die Wikipedia zur Bemessung von Einfluss in der realen Welt miteinbezogen, und Barack Obama lag plötzlich vor Justin Bieber.
  2. Quantität statt Qualität. Wie die meisten Scoring-Algorithmen basiert auch jener von Klout auf der Annahme, dass die Einflusssphäre eines Menschen mit ausschliesslich quantitativen Indikatoren gemessen werden kann. So stellt zum Beispiel Johannes Kuhn auf Süddeutsche.de fest, dass mittlerweile ein Wettrennen um einen hohen Klout-Score beobachtbar sei. Dabei würden Leute möglichst viel posten und möglichst viel Interaktion provozieren, nur um ihren Score um einige wenige Punkte raufzudrücken. Die Qualität der Inhalte bleibe dabei meist nebensächlich. Wie auch immer, bis ein wirklich robuster Algorithmus den qualitativen Wert von Information beurteilen kann, dauert es wohl noch eine Weile, und bis dahin wird Klout auf rein quantitative Indikatoren setzen.
  3. Privatsphäre. Diese Problematik ist schon fast allgegenwärtig, wenn es um die Stichwörter “Soziale Medien” und “Werbung” geht. So wird kritisiert, dass die wahren Gewinner der Klout-Manie mächtige Firmen seien, die einen noch perfideren Weg gefunden hätten, ihre Marke an den Mann zu bringen. Die soziale Sphäre im Netz profitiere nicht wirklich von Klout, vielmehr entstünde ein destruktiver Wettkampf. Des Weiteren könne Klout verheerende Auswirkungen auf das Privatleben von Personen haben. Die US-amerikanische Wired machte jüngst einen Fall publik, wo einem gut qualifizierten Bewerber eine Stelle versagt wurde, weil sein Klout-Score zu tief war.
  4. Proprietärer Algorithmus. Am interessantesten für die nachfolgende Diskussion, ist der Fakt, dass der Klout-Algorithmus proprietär, also von aussen nicht einseh- und nachvollziehbar ist. Die soziale Sphäre ist also darauf angewiesen, dass das Unternehmen Änderungen am Algorithmus möglichst transparent kommuniziert, um Verschiebungen in den Ranglisten nachvollziehen zu können. Somit, gegeben der Algorithmus ist ausreichend komplex und nicht allzu robust, reichen womöglich kleine Änderungen in der Gewichtung von Faktoren, und schon liegt Angela Merkel wieder vor Barack Obama.

Klout als Metrik für Schweizer PolitikerInnen?

Auf SoMePolis vermessen wir die Twitter-Profile von Schweizer ParlamentarierInnen, um Einblicke in ihr Verhalten auf sozialen Medien zu erhalten. Wir überlegen uns natürlich auch, wie wir die Einflusssphäre von PolitikerInnen messen könnten – zum Beispiel durch Quantifizierungen von Aktivitäten und Interaktionen mit anderen Twitter-Profilen.

Es stellt sich nun aber die Frage, ob solche Quantifizierungen nicht per se transparent sein müssen, um wissenschaftlich, aber auch gesellschaftlich, anerkannt werden zu können. Deswegen ist meiner Meinung nach gerade der letzte Kritikpunkt an Klout auch der relevanteste. In einer Welt, in der Entscheidungsprozesse zunehmend maschinell verarbeitet werden, reicht es nicht, sich auf die (scheinbar) objektive Unabhängigkeit von Algorithmen zu verlassen.

Nehmen wir einmal an so etwas wie Klout würde zunehmend und mit Erfolg auch in der Schweiz eingesetzt. PolitikerInnen wie auch JournalistInnen würden möglicherweise mehr und mehr ihre vom Volk beziehungsweise vom Medienkodex verlangte Unabhängigkeit dafür aufgeben, um in einem Ranking mehr Punkte zu erhalten. In Folge dessen bekämen sie von Meinungsforschungsinstituten höhere Umfragewerte, würden mehr erwähnt in den Medien und/oder hätten die Möglichkeit teurere und bessere Perks abzusahnen. Andererseits hätten kleine, nicht-kommunizierte Änderungen am Algorithmus möglicherweise grosse Auswirkungen auf das Ranking. Die Frage ist dann: Wer profitiert davon, wenn plötzlich eine politische Richtung von einer anderen überholt wird?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, dies ist auf keinen Fall eine Prognose, sondern ein Szenario, und ich möchte niemandem etwas unterstellen. Fakt ist, dass dank Klout gewisse Aspekte dieses Szenarios in Teilen dieser Welt bereits Realität geworden sind. Deshalb bin ich der Meinung, dass wir, die wir das Glück haben, in einer Demokratie zu leben und zu walten, darüber diskutieren sollten.

Wir sollten uns fragen, ob die quantitativen Bewertungen, die uns soziale Netzwerke erst ermöglicht haben, dazu geeignet sind TeilnehmerInnen von demokratischen Prozessen zu messen.

Wir sollten uns fragen, ob es Sinn macht, dass diese Bewertungskriterien geheim gehalten und vermarktet werden, oder ob es doch nicht besser wäre, sie selber einem demokratischen Prozess zu unterwerfen, ergo zum Beispiel als Open Source zu führen und allen zugänglich zu machen.

Wir sollten uns auch fragen, ob es überhaupt möglich ist PolitikerInnen ausschliesslich anhand ihrer (Inter-)Aktionen im Internet zu bewerten, dagegen “echte” Handlungen aussen vor zu lassen.

Die Diskussion ist offen – über eine rege Teilnahme und Inputs auch zu unserem Schaffen würde sich das Team von SoMePolis sehr freuen.

Ach ja, last but not least:  Mein Score beträgt läppische 34 und das habe ich zu Beginn des Artikels bewusst verschwiegen.

About Timo Grossenbacher

Timo absolviert zur Zeit sein Masterstudium in Geographie, daneben arbeitet er hauptsächlich als Geoinformatiker in einem kleinen Umweltbüro. Auf seinem Blog schreibt er unter dem Pseudonym "Winston Smith" über das Web, Datenschutz, Geoinformation und weitere aktuelle Themen.
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6 Responses to Klout: Segen oder Fluch für die Demokratie?

  1. Intéressante analyse ! A noter en passant que si Michèle Hunziker (ou son team) s’était inscrite sur Klout, son kloutscore serait certainement plus haut ! L’inscription permet en effet visiblement un calcul plus précis du score, en particulier lors de l’analyse de réseaux fermés (comme facebook).

    • Timo Grossenbacher says:

      Oui, Klout dit ca, mais, à mon avis, ca ne fait pas de sens, parce-que, si j’ai un compte Facebook et un compte Twitter, et mon compte Facebook et particulièrement vide / pas active, le compte Twitter, en contraire, trés active, le Kloutscore devait être plus bas que avant…

  2. Pingback: SoMePolis lanciert «Twittermonitor» | SoMePolis – Social Media und Politik

  3. Adrienne Fichter says:

    Ich sehe das jetzt nicht so tragisch. Der Klout-Score als massgebende Einflussgrösse für Social Media wird kaum in der Politik jemals den Stellenwert haben wie beispielsweise ein Smartspider. Wenn schon müsste alle Ranking-Services (ob sie jetzt die politische Einstellung oder das Interaktionsverhalten auf Social Media vermessen) kritisch beäugt werden. Denn sie können dazu führen, dass ein Politiker sich nicht authentisch verhält, sondern den Fragebogen oder sein Social Media Verhalten manipuliert zugunsten eines bestimmes Scores. Ich denke die Bevölkerung ist auch mündig genug zwischen dem effektiven politischen Einfluss eines Politikers und seinem Kommunikation auf Social Media zu differenzieren. In der letzten “Ostschweiz am Sonntag” formulierte ein Experte eine interessante Hypothese: Je mehr Medienpräsenz ein Politiker erlangt und je mehr Social Media-Gefolgschaft um sich schart, desto geringer ist sein Einfluss im Bundeshaus. Denn im Web muss man zugespitzte Thesen formulieren und extreme Positionen vertreten, um sich Gehör zu verschaffen. Was der effektiven parlamentarischen Arbeit, die Kompromissbereitschaft erfordert, abträglich ist…

    • Stimme Dir grossmehrheitlich zu, Adrienne, vor allem im Punkt bezüglich der eigenen Manipulation des Verhaltens. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung: Wenn ein Ranking, dann ein transparentes.
      Die Hypothese habe ich auch gelesen, und sie ist sicherlich plausibel, vor allem im Bezug auf die Variable “Medienpräsenz”. Ob das mit der “Social-Media-Gefolgschaft” auch so stimmt, bleibt zu zeigen, aber wenn man auf unseren Twittermonitor schaut, dann sind unter den ersten paar Köpfen mit den meisten Followern sicher ein paar polarisierende. Was ja auch spannend ist, ist die eher jüngere Erkenntnis, dass Social Media quasi kaum zum Wahlerfolg beiträgt (habe die Quelle jetzt gleich nicht zur Hand).
      Noch ein zynischer Kommentar meinerseits und der Diskussion eigentlich nicht zuträglich: Soziale Medien werden in Bezug auf gesellschaftlichen und politischen Stellenwert sowieso überbewertet – aber sie zu analyisieren macht Spass.

      • Adrienne Fichter says:

        Das stimmt auf jeden Fall, Timo;-) Es macht Spass und auch ich bin narzisstisch genug meinen Klout-Score regelmässig zu checken (nur wenn er im Steigen begriffen ist, natürlich)… Die Studie mit dem Stellenwert von Social Media im Wahlkampf fände ich jetzt noch spannend. Das lässt sich wohl kaum für alle Kantone übertragen. Ich weiss von einer Master-Arbeit einer Kollegin, die die Einschätzung der Parteien selbst zu diesem Thema im Kanton Zürich evaluierte. Ergebnis: Alle Partei-Wahlkämpfer betonten die Bedeutung von Social Media im gesamten Massnahmen-Bündel im Wahlkampf 2011. Ich denke ich urbaneren Kantonen kann Social Media vielleicht nicht gleich ganz die Medienpräsenz substituieren. Aber es hat bestimmt den Kandidaten wie Natalie Rickli oder Balthasar Glättli zu noch mehr Popularität verholfen. Der Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist in jenen Kantonen ungleich höher als im Kanton Appenzell Innerrhoden. Und da könnte Social Media schon matchentscheidend werden in naher Zukunft. Ausserdem: Die positive Wechselwirkung zwischen Social Media und Medienpräsenz müsste man vielleicht mal untersuchen. Denn auf Twitter tummeln sich ja haufenweise Journalisten. Vermutlich konnte sich der eine oder andere Kandidat seinen Bekanntheitsgrad ungleich steigern.

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