TVitter: Politische Debatten in Social Media und TV

Das traditionelle Medium Fernsehen hat die grosse Chance, mit sozialen Medien den “second screen” zu bespielen. Daraus resultiertmeiner Meinung nach ein win-win-win für Produzierende, Gäste in der Sendung und Publikum. Bottom-up läuft schon vieles. Es gibt in der Schweiz aber auch bereits ein Format, welches die Twitter-Debatte institutionalisiert hat.

Ein Meinungsbeitrag von Ralph Straumann

Die Arena schauen ohne Fernseher

Claude Longchamp hat am Freitag als Experte in der zweiten Reihe der “Arena” zum Thema “Mythos Milizparlament” am Schweizer Fernsehen teilgenommen. Da die Sendung aufgezeichnet und erst später ausgestrahlt wird, konnte er live die Diskussion zur Sendung in den sozialen Medien verfolgen (und nur diese, er hatte kein Fernsehgerät zur Verfügung). Am Wochenende hat er dann seine Beobachtungen in einem Blogpost “Via Twitter fernsehen” festgehalten: Schon im Vorfeld der Sendung, nach der Ankündigung auf seinem Blog, hat er Reaktionen auf Twitter erhalten. Was folgte, war offenbar eine bunte Parade von Wortmeldungen von Privatpersonen, politisch Tätigen und ihrer Entourage sowie Journalistinnen und Journalisten: Argumentatives, Untermauerndes, Kleidungstipps, Glückwünsche, alles am besten nachzulesen bei Claude Longchamp. Sein Fazit:

Die gestrige Twitter-Diskussion vor, während und kurz nach der Sendung hob sich davon [Geschehen auf der Online-Plattform der Arena] vorteilhaft ab. Harmonisch war sie nicht, beleidigend aber auch nicht. Ich habe mehr erfahren, als aus dem meisten Reaktionen früherer Sendungen, die ich regelmässig auf der Strasse oder im Freundes- und Arbeitskreis erhalte. Man hat auch die Dynamik der Sendung gut mitbekommen, mit dem fulminanten Start, dem Hänger in der Mitte und der Sachdiskussion zum Schluss.

Longchamps Fazit und Gedanken zu Social TV, also der Idee, dass man eine Sendung mit Diskussionen auf Twitter verknüpft und das Publikum so in die Sendung miteinbezogen werden kann, wurden dann auch von Adrienne Fichter (Social Media Managerin bei Orell Füssli Wirtschaftsinformationen, ehemals Community Managerin bei Politnetz.ch) aufgegriffen. In ihrem Blog beschreibt sie ihre Vision des “partizipativen Service public”: Einbezug des Publikums zum Beispiel durch Fragen zur Überzeugungskraft von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Arena oder zur Zuteilung der Redezeit sowie die Zuschauenden als Hinweisgeber und Fragestellende.

TVitter

Dies alles sind spannende Ideen und die Schweizer Twitterszene ist meines Erachtens reif für mehr Experimente in diese Richtung. Zum Beispiel fördert eine Suche bei Twitter nach “#arena” Dutzende von Wortmeldungen zutage (zugegeben, nicht alle zum Thema der Arena auf SF; hier müsste man allenfalls einen besseren Hashtag definieren). Die Leute diskutieren auf Twitter bereits in Echtzeit Sendungen, ob das von den Fernsehanstalten animiert wird oder nicht (übrigens auch #tatort oder #wettendass). Und hier liegt ein grosses Potential, welches abzuschöpfen auch für die Fernsehanstalten interessant ist, sogar sein muss. Nicht umsonst ist immer mehr die Rede vom “second screen”, also dem Gerät, Smartphone oder Tablet, welches zuhause gleichzeitig neben dem Fernseher benutzt wird und die Aufmerksamkeit von jenem weglenkt – wenn auf dem “second screen” nicht mit den TV-Inhalten abgestimmte Dienste und Partizipationsmöglichkeiten angeboten werden! Wie dieser “second screen” künftig vermehrt (gewinnbringend) genutzt werden kann, wird die TV-Anstalten noch umtreiben.

En Ligne Directe

An dieser Stelle ist ein Blick über den Röstigraben zu Radio télévision suisse (RTS) erhellend: Im Westschweizer Radio gibt es das täglich ausgestrahlte Debattierformat En Ligne Directe.

Das Team der Sendung setzt sich zum Ziel, gleichzeitig in den sozialen Medien (hier: Twitter), per dedizierter iOS- und Android-Applikation sowie in der Sendung selbst aktuelle Themen zu debattieren. Auch die bewährte Form des Telefonanrufs in die Sendung ist noch immer möglich. Wie eine Suche auf Twitter (bzw. ein Blick in meine persönliche Timeline) schnell zeigt, ist der Tag #enld in der Tat sehr aktiv und nicht auf das Sendungszeitfenster limitiert.

Unsere Freunde aus Lausanne, Pegasusdata, haben bereits diverse Analysen der Geschehnisse auf Twitter rund um “En Ligne Directe” veröffentlicht (sowie hier übrigens einen Blick hinter die Kulissen der Sendung). Pro Sendung verzeichnet #enld 120 bis 300 Tweets. Die Moderatorinnen beteiligen sich an der Diskussion auf Twitter. Aber nicht nur das, auch vereinzelte Politikerinnen und Politiker der suisse romande sind unter den 25-30 Personen, welche üblicherweise zu #enld debattieren, und tauschen sich so per Twitter mit diversen Leuten zu politischen Themen aus.

Tatsächlich ist die Beteiligung von lokalen und regionalen Politikerinnen und Politikern gross. “En Ligne Directe” war sogar in Bundesbern vertreten: #enld war der am häufigsten getwitterte Begriff der CVP/EVP-Parlamentsfraktion während der Herbstsession 2012 (Für unsere inhaltlichen Betrachtungen der Herbstsession vom Montag haben wir diesen Tag herausgefiltert):

Tweetcloud der CVP/EVP-Fraktion während der Herbstsession 2012
(Klicken zum Vergrössern)

Die Prominenz des Begriffs in den Tweets der Nationalrätinnen und Nationalräte (die CVP/EVP-Ständeräte twitterten nicht während der Herbstsession) geht auf Yannick Buttet (CVP, VS) zurück, der sich in den drei Sessionswochen und neben unzähligen anderen Tweets 25-mal in die Debatten unter #enld eingeschaltet hat. Wie ich meine, ein beachtlicher Wert für einen Nationalrat!

Vision

Ich finde, das Modell von “En Ligne Directe” könnte ein Zukunftsmodell der Arena sein:

  • noch verstärkte Öffnung des Mediums Fernsehen zu den sozialen Medien,
  • vermehrte Einbindung des Publikums,
  • Vor- und Nachbereitung der TV-Debatte auf Twitter mit definiertem Hashtag.

“Kosten” für die Sendungsmacher sind die Abgabe von Kontrolle, dadurch dass die Debatte auf Twitter läuft statt auf der eigenen Debattierplattform mit Forum und Video-Upload (im Fall der Arena), und die Notwendigkeit der Kuratierung von Inhalten, welche in die Sendung einfliessen sollen.

Für uns von SoMePolis eröffnete sich durch die Konvergenz von Polit-Sendungen in TV/Radio und sozialen Medien natürlich ein Feld für interessante Diskurs-, Netzwerk- und Inhalts-Analysen. Für die breite Öffentlichkeit könnte ein mutiger Schritt in diese Richtung aber viel mehr, nämlich:

  • das Format der Arena beleben,
  • die Arena einem weiten Kreis zugänglicher machen und die Diskussion demokratisieren,
  • der Sendung und dem Moderator bzw. der Moderatorin das verteilte Wissen des (ansonsten stillen) Publikums anteil werden lassen,
  • vermehrt jüngere Personen ansprechen und
  • es den sozialen Medien gegenüber aufgeschlossenen Politikerinnen und Politikern ermöglichen, sich direkt mit den Zuschauenden (a.k.a. Elektorat) auszutauschen. Dank der verzögerten Ausstrahlung der Arena könnten sich an solchen Diskussionen theoretisch sogar die Arena-Gäste selbst beteiligen.

Das sind doch alles wünschenswerte Resultate? Also.

About Ralph Straumann

[Deutsch] Ralph Straumann ist promovierter Geograph mit Vertiefungen in Kartographie und Politikwissenschaften, GIS-Spezialist in einem Ingenieur- und Beratungsunternehmen, Weltbürger und etwas zu breit interessiert. Er beschäftigt sich unter anderem mit (Geo)Datenanalyse und -visualisierung und bloggt sporadisch darüber. -/////////- [Français] Ralph Straumann est géographe avec un doctorat et avec des spécialisations dans la cartographie et dans les sciences politiques, spécialiste SIG, cosmopolite et il s’intéresse à trop de choses. Entre autres, il s’occupe de l’analyse des données (spatiales) et de la visualisation et en écrit sur son blog de façon sporadique.
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